Wohnung und Zuhause

Das Thema Wohnung, bzw. wo die Kinder hauptsächlich leben sollen, ist vermutlich ziemlich weit oben auf der Liste potentieller Streitpunkte bei Trennungen anzusiedeln. Das Wechselmodell bietet hier eine faire Lösung an, wenn man sich denn darauf einigen kann. Was dabei jedoch zunächst zu bedenken ist, ist die benötigte Wohnungsgröße und die damit verbundenen höheren Kosten. Im Gegensatz zum Residenzmodell, wo lediglich ein Elternteil unbedingt ein komplettes Kinderzimmer samt Ausstattung vorhalten muss, müssen dies beim Wechselmodell selbstverständlich beide Eltern. Dies bedeutet, dass in der Regel mindestens ein Zimmer mehr vorhanden sein und bezahlt werden muss, welches sich aber nur rund 50% der Zeit in Benutzung befinden wird.

Elternteile, die nach der Trennung auf jobcenter-Leistungen angewiesen sein werden, können diesbezüglich übrigens aufatmen: Beim Wechselmodell zählen alle Kinder bei der Berechnung der Wohnungsgröße voll mit, d.h. der angemessene Wohnraum und die Mietzuschüsse werden so berechnet, als würden die Kinder durchgängig bei diesem Elternteil wohnhaft sein. (Aber Achtung: Dies gilt NICHT für die normalen Regelsätze, welche sich immer nach der tatsächlichen Aufenthaltsdauer der Kinder richten!). Im Gegensatz zum Residenzmodell, wo Wohnraum für „Besuchskinder“ weitaus weniger finanzielle Berücksichtigung findet, ist es so auch für Eltern mit keinem oder niedrigen Einkommen leichter möglich, eine angemessen große Wohnung samt Kinderzimmer zu bezahlen. Voraussetzung dafür ist natürlich, nach der Trennung erstmal eine entsprechende Wohnung zu finden, was sich angesichts des derzeit sehr angespannten Wohnungsmarktes besonders in Großstädten durchaus schwierig gestalten kann, insbesondere unter Zeitdruck in einer Trennungsphase und mit der Bedingung, in der Nähe des anderen Elternteils zu verbleiben.

Lässt man die finanziellen und wohnungsmarktbedingten Schwierigkeiten außer acht, bietet das Wechselmodell aber wie gesagt eine sehr faire Regelung für die Kinderbetreuung an. Dadurch, dass beide Elternteile zu (nahezu) gleichen Anteilen Kontakt mit den Kindern haben und somit auch Freizeit und Alltag mit beiden Elternteilen erlebt werden, entsteht kein „Wochenendpapa“ oder eine „Wochenendmama“, bei dem/der hauptsächlich Freizeit erlebt wird, was natürlich eine gänzlich andere Beziehung entstehen lassen kann als zum Alltags-Elternteil, bei dem die Kinder im Residenzmodell hauptsächlich wohnen. Das Wechselmodell ermöglicht es dagegen, dass die Beziehungen zu beiden Elternteilen sich gleichmäßig entwickeln können und kein Elternteil nur auf bestimmte Rollen beschränkt bleibt. Dadurch, dass die Eltern beim Wechselmodell in der Regel auch nicht allzu weit auseinander wohnen, ist es für die Kinder außerdem leichter möglich, bei beiden Elternteilen ohne größeren Mehraufwand ihre Hobbys und Freundschaften zu pflegen.

Ein höchst umstrittener Punkt, der garantiert immer wieder aufkommt, wenn das Thema aufs Wechselmodell fällt, ist der ständige Wechsel als solcher. Fällt das Wort Wechselmodell z.B. bei Facebook kann man sich sicher sein, dass besorgte Eltern Sturm laufen, die es für unmöglich halten, dass Kinder es verkraften könnten in zwei Wohnungen zu leben. Die Vorwürfe reichen dabei von „So fühlt man sich doch nirgendwo wirklich zu Hause!“ bis „Und jede Woche muss man dann alle Spielsachen und Klamotten in einen Koffer packen und umziehen, oder was?“. Dabei sind die grundlegenden Bedenken durchaus berechtigt, denn nicht jedes Kind muss zwangsläufig gut auf den wöchentlichen Wechsel reagieren. Besonders in der Anfangsphase nach einer Trennung ist es sicherlich schwieriger, damit klarzukommen sein Heim regelmäßig zu wechseln, als erstmal einen festeren „sicheren Hafen“ bei nur einem Elternteil zu haben. Vorausgesetzt das Wechselmodell wird von den Eltern gut umgesetzt und die Kinder gut in die Gestaltung mit einbezogen, sollten diese anfänglichen Schwierigkeiten aber bei den meisten Kindern gut zu bewältigen sein. Und wenn dann die Gewöhnung an den Wechsel erst einmal erfolgt ist, können Eltern und Kinder von den Vorteilen des Modells profitieren. Der Vorwurf bzw. die Fragestellung, wie man denn jede Woche all die Sachen der Kinder einpacken und zum anderen Elternteil bringen soll und ob das nicht viel zu viel Aufwand ist, kann man zudem recht einfach beantworten: Man tut es einfach nicht! Die Kinder haben bei beiden Elternteilen jeweils eigene Klamotten und Spielsachen und bringen bis auf einige Lieblingsdinge oder z.B. ihr Handy nicht jedes mal alles mit zum anderen. Auch daran können Kinder sich in der Regel schnell gewöhnen und gleichzeitig lernen, dass eine gewisse Abwechslung in den möglichen (Spiel-)Aktivitäten gar keine so schlechte Sache ist. Und sollte das wichtige Kuscheltier doch einmal vergessen worden sein, sollte es für die Eltern aufgrund der örtlichen Nähe kein Ding der Unmöglichkeit darstellen, dies noch nachträglich vorbeizubringen oder abzuholen.

Zum Abschluss noch einmal ganz deutlich: Die Kinder befinden sich beim Wechselmodell NICHT wie im Urlaub im Hotel und ziehen nach einer Woche mit Sack und Pack wieder aus. Sie wohnen fest bei BEIDEN Eltern und wechseln lediglich regelmäßig zwischen ihren zwei Wohnungen. Diese bieten ihnen natürlich jeweils im Detail unterschiedliche Möglichkeiten und (Spiel-)Anreize, aber in beiden haben sie ihre eigenen Zimmer und können sich sicher und zuhause fühlen.


Zusammenfassung

PRO

+ Faire Aufteilung der Zeit mit den Kindern
+ Nähe zu beiden Eltern, kein/e „Wochenendpapa/mama“
+ Relativ gleichbleibender Alltag für Kinder trotz Wechsel

CONTRA

– Höhere Wohnkosten für beide Elternteile
– Teils doppelte Ausstattungen nötig
– Einschränkungen bei der Wohnungssuche (örtliche Nähe zum anderen Elternteil)
– Mögliche psychische Belastung durch steten Wechsel


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